Was ist „struktureller Antisemitismus“?

Als „struktureller Antisemitismus“ werden Argumentationsstrukturen, Meinungen oder auch Analyseschritte bezeichnet, die nicht gezielt oder offensichtlich antisemitisch sind, aber dem klassischen Antisemitismus nahe kommen und meistens auch in ihm münden. Zwei Punkte sind dafür besonders typisch:

Erstens die Unterscheidung von gutem, „schaffenden Kapital“ und bösem, „raffenden Kapital“, die verkennt, dass beides erstens untrennbar miteinander verbunden ist und daher auch fließend in einander übergeht. Zumeist äußert sich das in der Reduktion von Zinseszins und „Finanzkapital“ als Ursache aller wirtschaftlicher Ungerechtigkeit in der Welt.

Zweitens die Zuweisung von Ursachen gesellschaftlichen Übels an eine wie auch immer geartete Personengruppe, oder gar die direkte Personifizierung. In den Sozialwissenschaften sind Monokausalität und eine umfassende, einheitliche Charakterisierung von Personengruppen schon lange als analytisch unzulänglich abgetan. Leider wird diese Einschätzung in vielen rassistischen Argumentationen ignoriert. Die Besonderheit, die sie „strukturell antisemitisch“ macht, wenn sie sich gegen (vermeintlich) gutsituierte und allgemein privilegierte Gruppen richtet, etwa gegen die gesellschaftliche Elite.

Bei gründlicher Betrachtung lässt sich aber nie behaupten, dass es am „Charakter“ einer Person(engruppe) oder gar an der Ethnie läge, wie sie handelt. Es sind die (milieuspezifische) Sozialisation und die jeweilige historische Situation, die die Mitglieder eines Milieus verhältnismäßig einheitlich handeln lassen. Und selbst die gemeinsamen Auswirkungen bestimmen nicht allein die Gesellschaft, obwohl gerade die Elite sich zuweilen einbildet, das zu müssen.

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