Sexismus

Sexismus leitet sich vom englischen Wort „Sex“ in seiner ersten Bedeutung, also „Geschlecht“ ab. Die griffigste und vermutlich bekannteste Definition davon lautet „Benachteiligung aufgrund Geschlecht“. An dieser Stelle soll jedoch nicht der schwierigen Aufgabe nachgegangen werden, Definitionen gegeneinander abzuwägen oder gar eine besonders treffende zu entwickeln. Stärker diskutiert wird nämlich die Frage, wie weit Sexismus heutzutage noch verbreitet ist.

Eine globale Betrachtung ginge hier zu weit, eine genau eingegrenzte Perspektive erscheint aber auch schwierig. Ihr müsst also selbst sehen, für welche Weltregionen und Milieus das Folgende mit eurem eigenen Wissen kompatibel ist und euch hilfreich erscheint, wenn überhaupt.

Dennoch ist das Thema recht universell. Denn praktisch überall, wo Geschlechter unterschieden und ihnen grundlegende Eigenschaften zugeschrieben werden, hat diese Unterscheidung entsprechend radikale Folgen.
Der Ansatz „verschieden, aber gleichwertig“ wurde vor einigen Jahren in Ländern des „arabischen Frühlings“ von konservativen Parteien propagiert, um konsequenter Gleichstellungspolitik entgegenzuwirken. Jene angestrebte rechtliche Unterscheidung rief in vielen Medien in Deutschland Empörung hervor. Jenseits dessen der Ansatz ist aber weder so jung, noch irgendwie spezifisch religiös, sondern findet sich in unserer unmittelbaren Umgebung heute und auch vor dreißig Jahren regelmäßig wieder. Als Beispiel dafür könnt ihr einen beliebigen „Frauen sind soundso, Männer soundso“-Spruch aus eurer Umgebung nehmen, die behauptet, niemanden zu Unrecht zu benachteiligen.
Eine solche Gleichwertigkeit trotz verschiedener Charaktere ist illusorisch. Spätestens im Zuge vom pausenlos stattfindenden sozialen Wandel wird die eine oder die andere Gruppe größere Vorteile erlangen können, als die andere. Ist damit also eine gut regulierte Unterscheidung nicht das kleinere Übel?

Klingt fragwürdig. Ist es auch: Die statistischen Unterschiede zwischen Geschlechtern, die sich ohnehin nicht über ein Individuum stülpen lassen, können nämlich nicht als angeboren betrachtet werden. Wenn – nachgewiesenermaßen – schon Säuglinge abhängig von ihrem Geschlecht unterschiedlich behandelt werden und nur wenig ältere Menschen mit geschlechterspezifischen Erwartungen konfrontiert werden, bilden sie zwangsläufig auch unterschiedliche Charaktere aus. Die tausendfach zitierten Nutzungsunterschiede von Gehirnhälften sind also wohl eher auf eine soziale Rolle zurückzuführen: Bekanntlich entwickelt sich das menschliche Gehirn stark abhängig von seiner Beanspruchung und überhaupt der Umwelt, also auch abhängig von geschlechterspezifischen Sanktionen.
Dass sich das im ganzen Leben, z.B. in der Berufswahl und somit in Verdienst, Ansehen, Arbeitsmenge usw. auswirkt, ist etwas, was viele als Benach- bzw. Bevorteiligung betrachten würden, wenn sie diese Erklärung nachvollziehen: Es handelt sich nicht um reine Individualität, nicht um etwas biologisch Unausweichliches, sondern um einen historischen Zustand, der auch anders aussehen könnte.
Bereits die bloße Zuschreibung von geschlechtlichen Charaktereigenschaften ist also sexistisch, nicht erst deren Bewertung. Denn es beeinflusst die Erwartungen, die Leute an sich selbst stellen oder mit denen sie sich konfrontiert sehen und somit ihre Entscheidungen und Möglichkeiten.
Selbstverständlich kommen wir nicht ohne Erwartungen aus, und die Frage nach eine gleichberechtigenden Gesellschaft geht ohnehin weit über Geschlecht hinaus. Trotzdem ist es eine elementare Ungleichberechtigung, Erwartungen anhand oberflächlicher Kategorien anstelle möglichst individueller und kritischer Einschätzungen zu stellen.

Die Auswirkungen der Zuschreibungen reichen aber noch viel weiter. Die vermutlich extremsten Folgen sind systematische Herablassung bis hin zu Hass und sexualisierter Gewalt, die statistisch erheblich häufiger weibliche Menschen trifft. Des Weiteren sehen sich Mädchen/Frauen (gemeinhin die stärker benachteiligte große Gruppe) als diejenigen, die selbstverständlich mehr unbezahlte Hausarbeit machen, höhere Krankenkassenbeiträge zahlen, für unmodische Körperdisziplin und -darstellung kritisiert oder verachtet werden und in Gesprächen weniger sagen können, bis sie unterbrochen werden – um nur mal ein paar der bekanntesten Probleme zu nennen. Schlimmer sind oft nur noch die dran, die keinem der zwei Geschlechterbilder entsprechen können oder wollen: Die Diskriminierung von Homosexuellen ist, entgegen nationaler Selbstdarstellung, auch „hier“ noch alltäglich. Menschen, die bioligisch nicht ins „Mann-oder-Frau“-Schema passen, erfahren sogar chirurgische Zwangsmaßnahmen (meist kurz nach der Geburt) und spätere Medikamention, damit sie bloß so „normal“ wie möglich sind.
Auch Jungen/Männer sind oft mit den Anforderungen an ihre Geschlechterrolle überlastet und mit ihr unzufrieden. Trotz möglicherweise breiteren und insbesondere wachsenden Interpretationsspielräumen für die Rollen, denen sich die Leute ausgesetzt finden, gibt es auch dort „Versager“, die an den Ansprüchen scheitern.

Sexismus ist also ein Gefüge von (Geschlechter-)Normen, durch das fast alle mal positiv, mal negativ diskriminiert werden. Auch die Erwartungen, die an die privilegierteste Gruppe* herangetragen werden, können für diese als Belastung betrachtet werden. Menschen, für die es keine passende vorgefertigte Rolle gibt, stehen oft sogar noch unter der unterprivilegierten. Dabei variieren die Vorstellungen, was elementare geschlechtliche Eigenschaften sind, von Epoche zu Epoche, von Kultur zu Kultur, von Milieu zu Milieu und von Person zu Person.

Die weit verbreitete Behauptung, Geschlechterdiskriminierung gehöre bis auf Ausnahmen im „Westen“ der Vergangenheit an, ist also höchst unzutreffend. Es gibt zwar eine rechtliche Gleichstellung, doch die Praxis läuft überwiegend an Gesetzen vorbei oder dockt an gerade solche scheinbaren Egalitäten an, wie an das berühmte Ehegattensplitting in Deutschland. Außerdem kann eine Bürokratie bei Weitem nicht jede Diskriminierung als solche erfassen. Auch der kulturellen Ungleichstellung entgegenwirkende Maßnahmen, wie z.B. staatliche Quotenregelungen**, sind entweder schwer zu formulieren oder haben einen sehr begrenzten Wirkungsbereich.

Obwohl sich die Rechtfertigungen für all diese Ungleichbehandlungen in der mehr oder weniger säkularen Welt auf die Biologie beziehen, gibt es übrigens keine einheitliche biologische Definition von Geschlecht; Unterscheidungsansätze (z.B. genetisch, hormonell oder anhand der Gonaden) widersprechen sich in der Praxis. Die Überschneidungen sind zwar relativ groß, doch eben nicht absolut – also ein mit Vorsicht zu genießendes Instrument. Letztlich ist also sowieso immer alles nur ein Konstrukt – fragt sich nur, mit welchen Auswirkungen.

* im Bezug auf Geschlecht sind das heterosexuelle Männer. Geschlecht und die diesbezügliche Sexualität sind aber nur zwei von vielen Diskriminierungs“achsen“, die zusammenwirken können
** Quotierungen auf nicht-staatlicher Ebene können sich in vieler Hinsicht davon unterscheiden, z.B. dadurch, dass ein Staat anderen die Entscheidung ungefragt vorwegnimmt

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