Biologismus

Als Biologismus wird die Haltung benannt, allerlei soziale, seltener auch rein psychische Phänomene im Wesentlichen biologisch erklären zu wollen, ohne konkurrierende Erklärungen ausreichend in Erwägung zu ziehen.
Dem liegt zum Einen die Annahme zugrunde, dass der freie Wille eine untergeordnete Rolle im menschlichen Verhalten habe oder es diesen gar nicht gibt. Biologismus ist oft eng an Forschungsergebnisse der Biologie oder Psychologie bzw. deren Grenzbereichen gekoppelt. Dabei wird übersehen, dass diese lediglich eine Teilerklärung liefern können, selbst an Bedingungen und Vorannahmen geknüpft sind und so oder so Wissenschaft nicht schlicht „die Wahrheit“ herausfindet, sondern eben nur eine Wahrheit von vielen. Häufiger als die – teilweise auch von Wissenschaftler_innen selbst beanspruchte – objektivistische Herangehensweise sind bloße Vorurteile und Jahrzehnte alte Mehrheitsmeinungen die Grundlage für diese Erkenntnisse.
Zum Anderen wird eben die Biologie gegenüber anderen Erklärungsmustern bevorzugt, weil sie vermeintlich eindeutig ist. Abweichungen werden zu Ausnahmen deklariert oder mit anderen, in dieser Denkweise unwesentlicheren Faktoren erklärt. Erklärungsversuche anderer Fachbereiche werden meist einfach ignoriert.

Argumentativ ist Biologismus regelmäßig die Grundlage, um Sexismus, Rassismus, und Psychiatrisierung, sowie Speziesismus zu rechtfertigen oder überhaupt erst herauszubilden. Besonders im Bezug auf Rassismus stößt er allerdings in den letzten Jahrzehnten auf zunehmende Ablehnung, wenn er offensichtlich wird.

Es gibt logisch keinen Einwand, der Biologismus entgültig entkräften kann, sondern es ist eine Frage der Prämissen. Allerdings können diese unbegründeten Vorannahmen oft entkräftet werden, z.B. durch Statistiken und umfangreiche geschichtliche Gegenbeispiele. Oder es kann darauf hingewiesen werden, dass diese scheinbare Objektivität historisch gegensätzliche Schlussfolgerungen vertreten hat, bzw. überhaupt eine historische Konstruktion sind – wie alle Weltbilder. Davon abgesehen ist nicht jede Argumentation, die biologische Erkenntnisse beinhaltet, automatisch schlecht oder biologistisch.

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